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Für Frauen blieb die Weberei 07/2012, Zeit Online

Eine Reihe im Berliner Bauhaus-Archiv arbeitet die Geschichte der Bauhaus-Künstlerinnen auf. Die Genderpolitik der gefeierten Schule war wenig avantgardistisch.

Benita Koch-Ottes Haare sind kurz, streng gescheitelt und gekämmt, ihr Gesicht ungeschminkt, der Blick energisch. Die Porträt-Fotografie von 1930 zeigt ein Extrem des Typus der „Neuen Frau“, die ihr Leben selbst in die Hand nahm und für ihre Rechte kämpfte. Hinter Koch-Ottes gerunzelter Stirn scheint sich die Wut zu ballen. Wütend wird sie in ihrem Leben noch oft sein, etwa 1933, wenn die ehemalige Bauhäuslerin nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ihre Anstellung an der renommierten Kunstgewerbeschule Burg Giebichensteinin Halle verliert, oder 1968, wenn sie im Katalog zur 50 Jahre Bauhaus–Ausstellung in Stuttgart nicht erwähnt wird.

Dass sie in ihren fünf Jahren in Weimar ein bedeutendes Werk hinterlassen hat, zeigt derzeit eine Einzelausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv , die erste seit 40 Jahren. Progressive Gobelins und Bodenteppiche, mit Aquarell, Gouache und Kreide gezeichnete Form- und Farbstudien zeugen von ihrem enormen kreativen Potenzial. Deutlich ist die ästhetische Nähe zu den Arbeiten ihrer Lehrer und Kollegen Paul Klee , Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky – Namen, die man kennt, etwa Kandinsky als Vater der abstrakten Kunst. 2011 erst wurden abstrakte Skizzen der schwedischen Malerin Hilma af Klint entdeckt , die Jahre vor Kandinskys ersten abstrakten Gemälden entstanden sind. Derzeit bereitet das Moderna Museet in Stockholm für 2013 eine große Schau zum Werk der bis dato kaum bekannten Künstlerin vor, ein Kapitel Kunstgeschichte muss dann neu geschrieben werden.

Auch die Geschichte des Bauhauses ist eine der männlichen Helden. Von den Frauen der Schule, die Kunst und Technik zusammenführte und Maßstäbe für Architektur, Design und Kunst setzte, erzählt im Bauhaus-Archiv jetzt eine ganze Reihe : Auf die Ausstellung zu Koch-Ottes Werk folgen Schauen zur Malerin, Illustratorin und Typografin Lou Scheper-Berkenkamp und zur Textilgestalterin und Fotografin Gertrud Arndt.

Vorträge erinnern an weitere Bauhäuslerinnen, darunter Irene Bayer und Lucia Moholy – Namen, die nur Kennern geläufig sind. Man wolle endlich die vergessenen Bauhäuslerinnen ins Rampenlicht rücken und der Frage nachgehen, warum man eigentlich nur über die Kunst der Männer spreche, sagt Kunsthistorikerin Anja Guttenberger bei der Auftaktveranstaltung, einem Vortrag zu Leben und Werk Koch-Ottes, den vor allem Frauen besuchen.

Eine Antwort findet sich in der aktiv von der Bauhaus-Führungsriege betriebenen Genderpolitik. Dabei schien die Zeit bereit für neue Modelle: Die Gründung 1919 fiel mit dem Beginn der Weimarer Republik zusammen, mit der ersten Wahl, bei der Frauen ihre Stimme abgeben durften. Auch ArchitektWalter Gropius, Gründer und Direktor der Schule, stimmte lauthals in die Fortschrittsgesänge ein, Frauen sollten unbedingt am Bauhaus mitwirken. Eine strahlende Institution der Moderne sollte das Bauhaus werden, seiner Zeit in jeder Hinsicht voraus. So feiert man das deutsche Vorzeigeprojekt auch heute noch, wie derzeit bei der Schau Art as Life im Londoner Barbican Centre.

Doch als gleich im ersten Semester der Frauenanteil mit 50 Prozent viel höher lag, als es Gropius lieb war, ruderte er zurück. In den Folgejahren wurde die Zahl gedrückt, die meisten Verbleibenden kamen in die „Frauenklasse“ – die Weberei, in der auch Benita Koch-Otte ihre Textilarbeiten entwarf. Frauen passten offensichtlich nicht in das Bild einer Avantgarde-Institution, denn um eine zu werden, musste sich das Bauhaus deutlich von dem als Zeitvertreib für bürgerliche Töchter geltenden Kunsthandwerk distanzieren.

Man richtete sich folglich an männlichen Führungspersonen aus. Herausragende Frauen setzten sich dennoch durch. Marianne Brandt , die bekannteste unter ihnen, schliff zum Beispiel in der Metallwerkstatt am gefeierten Bauhaus-Stil mit. Doch renommierte Werkstätten wie Architektur oder Fotografie blieben für viele der Frauen ein Traum. Annie Albers etwa, deren Stoffe derzeit im Barbican Centre zu sehen sind, wurde nach dem für alle obligatorischen Vorkurs in die Weberei gedrängt, obwohl sie in die Glasmalereiklasse wollte.

Nur wenige Frauen schafften den Sprung in leitende Positionen. Jeder Werkstatt standen ein Formmeister, der die künstlerische Leitung innehatte, und ein Werkmeister, der handwerklich-technische Fähigkeiten vermittelte, vor. Als einzige Werkmeisterin leitete Gunta Stölzl ab 1925 die Weberei, die sie zuvor zusammen mit Koch-Otte aufgebaut hatte. Die beiden wechselten ihr Leben lang Briefe, heute sind sie wichtige Dokumente für die Aufarbeitung der lückenhaften Geschichte der Bauhäuslerinnen.

Ein Gruppenfoto von 1926 zeigt Stölzl zusammen mit Bauhausmeistern wie Klee und Kandinsky, als einzige Frau zwischen zwölf Männern. 1931 verließ sie das Bauhaus und ging in die Schweiz, wegen der sich zuspitzenden politischen Situation, aber auch wegen interner Konflikte. Zwei Jahre zuvor hatte sie ein Kind bekommen und es regelmäßig mit zur Arbeit genommen, ein Tabubruch. Stölzls Tochter Monika Stadler ist zur Auftaktveranstaltung ins Bauhaus-Archiv gekommen. Ihre Mutter habe die Freiheit in der Frauenklasse genossen und sich entfalten können, wie es in den von Männern dominierten Klassen nie möglich gewesen wäre, sagt sie. Die Bauhäuslerinnen haben sich Ansehen erkämpft. Heute haben viele von ihnen noch nicht mal einen Wikipedia-Eintrag.