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Die Zukunft wird im Jetzt geschrieben 06/2021, Springerin

Wie soll das Zusammenleben auf der Welt nach der Pandemie aussehen? Die Zukunft wird im Jetzt geschrieben, als Kontinuität der „langen, auf Genoziden und Ökoziden basierenden Geschichte des rassistischen Kapitalismus“, wie T.J. Demos es umschreibt. Die Pandemie aber hat einen Bruch im Jetzt erzeugt. Lassen sich entlang der Bruchlinien Praxen denken, die jenen „radikalen intersektionalen und ökosozialistischen Futurismen“, die Demos fordert, Vorschub leisten?1 Ariella Aïsha Azoulay schlägt vor, an einer „potenziellen Geschichte“ zu arbeiten, die den imperialen Innovationsimpuls durch ein Recht auf Teilhabe am Gemeinsamen ersetzt und im Verlernen dessen produktiv wird, was sich in rassistisch-kolonialen Fortschreibungen verstetigt hat.2

„For Refusal“, das Thema der diesjährigen transmediale, die erstmals unter der Leitung von Nora O Murchú ausgerichtet wird, lässt sich gleichermaßen als Absage an koloniale Kontinuitäten lesen wie als produktive Ansage. Auch pandemiebedingt füllt sich das Programm über das ganze Jahr hinweg sukzessive mit Beiträgen. In einem literarischen Essay, den AM Kanngieser für die 34. Ausgabe des Festivals verfasst hat, erinnert sie daran, dass „refusal“ nicht nur „gegen etwas sein“ bezeichnet, sondern etymologisch auch „zurückgeben“, „wiederherstellen“ und „wiederkehren“ enthält.3 Radikale Futurismen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie positionieren sich zum Beispiel gegen bestehende Narrative oder stellen verschüttete wieder her.

Kristoffer Gansing, der die transmediale von 2012 bis 2020 leitete, baute das Festival zu einem Ort aus, an dem spekulative Praxen aus dem Medienkunstfeld auf Analysen der algorithmischen Gouvernementalität trafen. Auch unter O Murchú bleibt die transmediale ein solcher Ort. Auf der Website befindet sich der bis Januar 2022 kontinuierlich wachsende, digitale „Almanac for Refusal“. Dort kommen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen zu Wort, die Themen wie Smart City, Data Mining oder Viralität vor allem aus queer-, techno- und ökofeministischen Perspektiven beleuchten. Auch der Essay Kanngiesers, in dem sie unter anderem auf ökofaschistische, im rassistisch-kolonialen Denken verwurzelte Tendenzen der Umweltbewegung eingeht, ist dort publiziert. Den Anfang aber machte im Februar und März 2021 die von O Murchú und Lorena Juan kuratierte Ausstellung „Rendering Refusal“ an zwei physischen Orten in Berlin, dem Bethanien in Kreuzberg und der Betonhalle im Silent Green im Wedding.

Eli Cortiñas montierte für das in der Betonhallle gezeigte „Not Gone With The Wind“ (2020) gefundene Sequenzen aus Hollywood-Filmen, Fernsehserien, Werbung, Ted Talks und YouTube-Videos, um aufzuzeigen, wie sich bestimmte historische Narrative medial etablieren, und auch, wie dadurch toxische Stereotype entstehen. Dies verdeutlicht, wie populäre Bildpolitiken und hegemoniale Agenden miteinander verwoben sind. Dass sich gelernte Ästhetiken umwerten lassen, um etablierte Narrative zu dekonstruieren, zeigte, ebenfalls in der Betonhalle, Larry Achiampong mit „Relic Traveller: Phase 2“ (2018–19). In kinematischem Duktus auf großer Leinwand nahm Achiampong das Publikum mit auf eine fiktive Reise in eine Zukunft, in der die Machtverhältnisse umgekehrt sind: Der Westen geht unter, und der Wohlstand hält Einzug in die Afrikanische Union.

Ausgangspunkt für die Arbeiten von Patricia Domínguez (Bethanien) und Natasha Tonteys (Betonhalle) ist die Rückkehr zu Indigenen Kosmologien, die beide in spekulative Erzählungen einbetten. Dabei schöpfen sie aus digitalen Bildwelten und verwenden dokumentarisches Filmmaterial. Domínguez installierte an Totempfähle erinnernde Skulpturen zusammen mit Videobildern ihrer Arbeit „Madre Drone“ (2020), die Fragmente von Waldbränden in Bolivien, der sozialen Proteste in Chile 2019 und Indigenen Ritualen zeigt. Tontey griff für „The Epoch of Mapalucene“ (2021) einen Mythos aus der indonesischen Provinz Nordsulawesi auf, gemäß dem der erste Mensch, der je existierte, eine Frau war, die durch einen Stein gebar.

Eine Symbiose von Mensch und Stein – das erscheint vor der Folie konstruierter Differenzen, auf denen der Kolonialismus fußt, als regelrecht widerständiges Denkmodell. Anne Duk Hee Jordan (Bethanien) ließ mit ihrem Environment „Atmospheres of Breathing“ (2020) die Vision einer post-anthropozänen Zukunft entstehen. Sie projizierte Mikro- und Makro-Videomaterial des Kokons eines Monarchfalters, einer Krabbe und einer Seegurke und setzte motorisierte, meditativ „atmende“ Skulpturen in den Raum. Die Arbeit ließ an Donna Haraways Chthuluzän denken, den Entwurf einer Epoche, in der das Menschliche und das Nicht-Menschliche untrennbar miteinander verbunden sind.

Danielle Brathwaite-Shirley (Bethanien) präsentierte mit „I Can’t Remember a Time I Didn’t Need You” (2020) auf mehreren Computerbildschirmen und Projektionen ein Abenteuerspiel rund um eine von einem geheimnisvollen Nebel heimgesuchte Stadt. Dort entfaltet sich eine Geschichte zu Überwachung und den alltäglichen Erfahrungen Schwarzer Trans-Personen. In einem digitalen Archiv will Brathwaite-Shirley diese Erfahrungen für die Zukunft aufbewahren. Technologie, das wird in Arbeiten wie dieser deutlich, ist Teil des Problems, etwa in Form codierter Rassismen, aber zugleich auch Teil der Lösung.

Immerhin besteht die Möglichkeit der kritischen, selbstermächtigenden Aneignung: Netzwerktechnologien etwa sind wichtige Werkzeuge für demokratischen Widerstand, wie der Videovortrag „Forbidden City“ von Glacier Kwong, Joel Kwong und Ellen Pau (abrufbar im Almanach) zeigt. Die chinesische Regierung unterdrückt die Bevölkerung Hongkongs mithilfe des massiven Einsatzes von Überwachungskameras. Technologie hat aber auch eine Schlüsselfunktion beim Organisieren der Proteste. Die Zukunft, warnt Demos, werde schon jetzt von technolibertären Kräften und deren technologischem „Solutionismus“ kolonisiert.4 Um dagegen anzukämpfen, wird es wichtig sein, dass die dekolonialen Bewegungen der Gegenwart mit „algorithmischer Resilienz“ agieren.

Wie sich Indigene Perspektiven in die Entwicklung computergestützten Denkens einbringen lassen, zeigte Jason Edward Lewis bei der alljährlichen McLuhan-Lecture (Almanach). Er gab Einblicke in die Arbeit der Indigenous Protocol and Artificial Intelligence Working Group und schlug eine relationale statt der gängigen instrumentellen Perspektive auf KI vor. Ein Imaginäres im Zentrum eines sich von kolonialen Praxen befreienden Diskurses nennt er bewusst nicht „The Indigenous Future Imaginary“, sondern schlicht „The Future Imaginary“, um einen globaleren Anspruch zu behaupten.

Bei der Konstruktion dieses zukünftigen Imaginären – Demos’ „gesellschaftlicher Produktion von Zukunft“5 bzw. Azoulays „potenzieller Geschichte“ – spielen Archive eine entscheidende Rolle: sowohl im erweiterten Foucaultschen Sinne dessen, was überhaupt artikuliert werden kann, als auch im engeren Sinne als Orte des Sammelns und der Dokumentation. Zumeist, warnt Azoulay, würden zwar die Neutralität solcher Archive behauptet, tatsächlich seien sie aber Institutionen imperialer politischer Gewalt .6

Mit der Arbeit am (digitalen) Archiv lässt sich vielleicht am konsequentesten in das Schreiben der Zukunft im Jetzt intervenieren – gerade auch angesichts des Bruchs, den die Pandemie erzeugt hat. Gegenstand von Prozessen der Verweigerung und des Verlernens müssen stets auch kolonisierte Temporalitäten sein wie jene, die Archive (de)konstruieren. Durch die Pandemie sind diese vorrübergehend ins Stocken geraten. Dass die transmediale nicht wie bisher ein einwöchiges Spektakel ist, sondern sich als verlangsamter Diskurs entfaltet und zwischendurch auch einmal innehält, ist so gesehen ein guter Zufall. An dem Format will O Murchú auch nach der Pandemie festhalten.

(1) T. J. Demos (mit The Otolith Group: Anjalika Sagar und Kodwo Eshun) in: Podcast Burning Futures: On Ecologies of Existence. #5 Beyond The End Of The World?, organisiert von Margarita Tsomou und Maximilian Haas, HAU Hebbel am Ufer, Berlin, 23. Juni 2020

(2) Vgl. Ariella Aïsha Azoulay, Potential History. Unlearning Imperialism. New York 2019.

(3) AM Kanngieser, Natur auflösen: über Verweigerung als Rückkehr

(4) Vgl. T. J. Demos in: Burning Futures: On Ecologies of Existence.

(5) T. J. Demos, Radikale Futurismen. Die Chronopolitiken des Dokumentarischen, in: springerin 1/2021.

(6) Azoulay, Potential History, S. 39.