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Die Marionetten in Aufruhr versetzen 09/2018, TAZ

Die Fondation Beyeler zeigt eine Retrospektive des Malers Balthus, darunter auch das umstrittene Gemälde „Thérèse rêvant“, das eine Debatte über Pädophilie in der Kunst auslöste

Im beschaulichen Schweizer Bergdorf Rossinière hält der Zug nur auf Anfrage. Sattes Grün, Berggipfel, Kuhglocken. Als Balthazar Klossowski de Rola hier in den 1970er Jahren das Grand Chalet erwarb, um sich mit seiner Familie in diesem größten Holzhaus der Schweiz niederzulassen, war er als Balthus längst weltbekannt. Sein Atelier richtete er in einem bescheideneren Haus gleich nebenan ein. Gerade hat Wim Wenders einen Film darüber gemacht. Die Pinsel, Farbtöpfe, Tuben und Leinwände stehen seit seinem Tod 2001 da wie unberührt, auch der Sessel, auf dem er stundenlang rauchend seine werdenden Gemälde betrachtete. Die Witwe Setsuko Klossowska de Rola bewohnt das Grand Chalet noch immer und betreut hier seinen Nachlass.

Im knapp vier Zugstunden entfernten Basel zeigt nun ausgerechnet die Fondation Beyeler eine große Retrospektive. Das rückt Balthus auch als wichtigen Vertreter der Moderne ins Bild, obwohl er sich den sie dominierenden, von Ernst und Hildy Beyeler gesammelten Ästhetiken, wie dem Kubismus oder dem Fauvismus, entzog. Er malte figurativ, bezog sich auf die Alten Meister, den Courbetschen Realismus oder die Neue Sachlichkeit. Er pflegte die Ironie, sich selbst porträtierte er 1935 als „König der Katzen“.

Auch „Thérèse rêvant“ aus dem Jahr 1938 ist in Basel zu sehen. Umringt von einer Menschentraube, die angeregt mit einer Vermittlerin diskutiert. Das Kind Thérèse sitzt auf einem Stuhl, die Arme über dem Kopf gefaltet, die Augen geschlossenen, wie tagträumend. Der rote Rock ist hochrutscht und gibt den Blick auf ihr weißes Höschen frei. Daneben schleckt ein Kätzchen Milch aus einer Schale. Eine Online-Petition mit mehr als 10.000 Unterschriften forderte erst vergangenes Jahr, das New Yorker Metropolitan Museum of Art, in dessen Sammlung es sich befindet, müsse es abhängen oder kontextualisieren und löste eine Debatte über den Umgang mit Pädophilie in der Kunst aus.

Etwa zwölf Mal malte Balthus Thérèse Blanchard, die mit ihren Eltern in der Nachbarschaft seines Pariser Ateliers lebte. Da sei es längst nicht nur um Provokation gegangen, sagt Michiko Kono, die die Ausstellung gemeinsam mit Raphael Bouvier kuratiert hat, sondern um eine intensive künstlerische Auseinandersetzung. Viele der Bilder aus diesem Zyklus sind in Privatbesitz und nicht ausleihbar, immerhin drei hängen jetzt in Basel. Ein ebenfalls 1938 entstandenes zeigt Thérèse mit überheblicher Mine, in überzogen graziler Pose: unwahrscheinlich für ein Mädchen ihres Alters. Diese Figur ist mehr Allegorie latenter pädophiler Gelüste als Porträt.

Noch wenige Jahre zuvor hatte Balthus an seine spätere Ehefrau Antoinette de Watteville geschrieben, er brauche einen Skandal. Dann zeigte er bei seiner ersten Ausstellung 1934 in Paris hinter einem Vorhang „Die Gitarrenstunde“. Eine Frau hat ein Mädchen auf ihrem Schoß liegen und ihr den Rock hochgezogen, darunter die nackte Vagina, die Gitarre liegt auf dem Boden. Balthus schockierte damals mit der Andeutung gleich mehrerer Tabus: Pädophilie, Inzest, lesbische Liebe. In Basel ist das Bild nicht zu sehen, denn später tat er es als Frucht jugendlicher Provokationslust ab und verfügte, dass es hinter Verschluss bleibe.

Zum Lüsternen, zum Voyeur macht der Maler hier vor allem den Betrachter. Dass die Pose an eine Pietà erinnert, eine Darstellung Marias, die Jesus’ Leichnam auf ihrem Schoß beweint, ist auch ein Verweis auf die moralisierende Triebunterdrückung der katholisch-christlichen Kirche. Die monumentale Straßenszene „La Rue“ aus dem Jahr 1933 bringt dieses Thema ebenfalls auf: Links im Bild ergreift ein Mann gewaltsam ein junges Mädchen. Ursprünglich griff er ihr in den Schritt, auf Bitten des späteren Besitzers korrigierte Balthus die Hand weiter nach oben. Rechts im Bild ist eine Figur von hinten zu sehen, deren Kutte an die eines römisch-katholischen Kardinals erinnert. Das Frühwerk Balthus’ lässt an die Meisterwerke der Surrealisten denken, in deren Kreisen er verkehrte, und die mit Tabubrüchen agierten und gnadenlos mit Klerus und Bürgertum abrechneten.

Der Erotismus in der Kunst sei das einzige, dass die Marionetten noch in Aufruhr versetze, schrieb Balthus damals an de Watteville. Die brutale Realität eines Weltkrieges hatten die Marionetten schon erlebt. Nun erstarkte der Faschismus. Balthus wurde 1939 zum Militärdienst eingezogen. An der Front im Elsass wurde er verwundet und konnte weiteren Kämpfen entkommen. 1940 malte er „Le Cerisier“ als Antithese zu der um ihn herum tobenden Grausamkeit: Eine junge Frau steht auf einer an einen Kirschbaum gelehnten Leiter und pflückt die Früchte. Während der Vordergrund in Schatten getaucht ist, entfaltet sich dahinter eine sonnige Landschaft vor idyllischer Bergkulisse. Sehnte er sich da schon nach der Abgeschiedenheit, in die er sich später ganz zurückzog?

In Basel stand nie zur Diskussion, was das Museum Folkwang in Essen vor einigen Jahren vorhatte, dann aber absagte: eine Gruppe von Polaroids zu zeigen, die Balthus in Rossinière vom Nachbarsmädchen Anna Wahli im Alter von 8 bis 16 Jahren jeden Mittwochnachmittag schoss, als er wegen einer Sehschwäche seine Vorstudien nicht mehr zeichnen konnte. Danach tranken sie mit der ganzen Familie Tee. Zu Übergriffen sei es nie gekommen, bestätigte Wahli später genauso wie Blanchard. Zum Zeigen waren diese Polaroids nie gedacht. Balthus’ Sujet war vielmehr das Grausame selbst, die kindliche Unschuld und das junge Mädchen eine Projektionsfläche für die Abgründe der Psyche. Eine Freiheit, die sich die Kunst, und nur diese, nehmen kann und muss. Dass Balthus’ Werk nun in ganzer Breite in Basel zu sehen ist, zeigt, dass identitätspolitische Debatten unter Umständen die Sicht verkürzen. Und es zeigt auch, dass es besser ist, ein Bild wie „Thérèse rêvant“ nur im größeren Kontext des Werks zu zeigen und zu besprechen.