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Einführung zur Einzelausstellung Julian Röder: „Insel“ 01/2016

Julian Röder hält die Kamera ins Zeitgeschehen. Die eingefangenen Momente erzählen von einer Gegenwart, die sich von Krise zu Krise stolpernd in einem immer dichter werdenden Netz von Absurditäten verheddert. Es sind die haarsträubenden Auswüchse gegenwärtiger Konstellationen von Macht und Ökonomie, die Röder interessieren. Mit seinen Serien und fotografischen Essays, von denen jetzt drei im Ulmer Kunstverein zu sehen sind, lenkt er die Aufmerksamkeit auf das, was im visuellen medialen Diskurs gerne unter den Tisch fällt, und schafft so detailverliebt inszenierte Bildinseln. In Ausstellungsform zu narrativen Archipelen arrangiert, ermöglichen sie dem Betrachter einen anderen, kritischen Blick auf die Gegenwart.

Für seine bekannteste Serie „The Summits“ (2001 bis 2008) begleitete Röder Globalisierungsgegner zu Staatsgipfeltreffen an unterschiedlichen Orten weltweit. Der Betrachter findet sich inmitten des Geschehens wieder. Tränengaswolken weiten sich zu gewaltigen Widerstandsmetaphern aus. Schmalschultrige Jugendliche mit von T-Shirts vermummten Gesichtern stilisiert Röder zu antikapitalistischen Kriegern. In Heldenpose steht ein Protestierender mit Gasmaske vor dem Gesicht, an Rüstungen erinnernden Knie- und Schienbeinschützern und roter Flagge in der Hand auf einem Betonpfeiler, den Blick in die Ferne auf ein Geschehen außerhalb des präzise gewählten Wirklichkeitsausschnitts gerichtet. Im Hintergrund sammeln sich Jugendliche vor dem Panorama einer staubigen Vorstadt Thessalonikis zum Protest. Fotogarfien wie diese rufen Historienbilder, etwa Eugène Delacroix’ „La Liberté guidant le peuple“, ins Gedächtnis und lassen solche Momente als historisch begreifen.

Wenn Menschenmassen auf Röders Aufnahmen für „Available for Sale“ zur Eröffnung eines Mediamarkts auf Glasfassaden und Rolltreppen zuquetschen, erinnert das an jene Pilger, die in Mekka um die Kaaba kreisen. Die Gesichter der Porträtierten leuchten blass im Neolicht. Ihre wie von der Schnäppchenjagd ausgemergelten Körper werfen sie schützend über ihre erstandenen Devotionalien: Geräte von globalen Herstellern wie Toshiba oder Canon und prall gefüllte Plastiktaschen, auf denen groß „Ich war im saugrößten Mediamarkt der Welt“ zu lesen ist. Wie Heiligenscheine krönen von der Decke baumelnde Preisschilder mit roten Zahlen die Köpfe derer, die das Paradies betreten haben. Röder entlarvt die Strategien der Konsummaschinerie als hypokritische Heilsversprechen und überhöht banale Momente wie diese zu ästhetischen Reflexionsräumen.

Während Arbeiten wie „The Summits“ und „Available for Sale“ noch eine apokalyptische Qualität vermitteln, hat Röder mit der jüngsten der drei präsentierten Serien, „Mission and Task“ (2012/13), zu einer Bildsprache gefunden, die das Sujet – die mit der Überwachung der europäischen Außengrenzen beauftragte Agentur Frontex – in zahlreiche Subtexte auffächert. Der deutsche Schäferhund einer Finnischen Spezialeinheit sitzt im griechisch-türkischen Grenzgebiet und wird so zur Metapher für das Hoheitsgebaren der deutschen Bundesregierung in der europäischen Krisen- und Flüchtlingspolitik. Grenzzäune ziehen sich durch von Palmen gesäumte Landschaften und werden zum Symbol willkürlicher Abschottung. Bilder, auf denen man erst auf den zweiten Blick komplexe Überwachungstechnologien erkennt, vermitteln ein beklemmendes Unbehagen. Frontex-Mitarbeiter verhüllen ihre Gesichter, stehen seltsam entrückt vor einer griechisch-orthodoxen Kapelle mit tiefschwarzem Hintergrund und vermitteln ein Unbehagen, das nicht nur in dieser Serie schwelt, sondern die dystopische Stimmung unserer Gegenwart wiedergibt.

Röder verkehrt Dokumentiertes in konzeptuelle Inszenierungen. So entstehen allegorische politische Statements und um die Abgründe neoliberaler Gesellschaften herum gestrickte Erzählungen. Das Interesse an seinen Sujets überführt er in aufwendige Kompositionen, die mediale Querverweise vom Schlachtengemälde bis hin zum Monumentalfilm erlauben, die Bühnenästhetik des Theaters aufgreifen und Protagonisten mitunter wie Schauspieler im Scheinwerferlicht wirken lassen. Solche Ästhetiken greift er auch in der Form der Präsentation auf: Mal zeigt er seine Bilder großformatig in schweren Rahmen, mal als Kundenstopper, also Aufsteller, die potenzielle Kunden in Läden locken sollen, wie im Fall von „Available for Sale“.

Viele Jahre lang war Röder für die Fotoagentur Ostkreuz tätig. Allerdings hat er sich weder die Schockästhetik des Fotojournalismus, noch den verklärenden Blick humanistischer Fotografen angeeignet. Er kommentiert subtil und lässt Leerstellen, die der Betrachter selbst füllt. So wird der Gang durch die Ausstellung – von der Stürmung des Mediamarkts über die Konfrontation mit den europäischen Außengrenzen bis rein ins Herz subversiver Protestbewegungen – zum Insel-Hopping durch eine von Konsumversprechen, Wohlstandsabschottung und willkürlicher Konstruktion politischer Privilegien diktierten Weltordnung.