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Kunst oder Designklassiker? 03/2014, Schirn Mag

Mit in Kamerun gefertigten Stühlen hinterfragt Tobias Rehberger den sakralen Status westlicher Designklassiker. Welcher? Fahren Sie mit der Maus über die Punkte im Bild!

Ist das Kunst oder kann ich darauf sitzen? Tobias Rehberger lässt bezüglich solcher Fragen gerne eine Restunsicherheit im Raum stehen. So auch in der SCHIRN, wo sich jetzt mehrere Stühle und Hocker aus Holz, Stahl und Leder in die raumgreifende, vom Künstler selbst entworfene Ausstellungsarchitektur fügen. Irgendwie bekannt kommen die Modelle einem vor, irgendetwas stimmt aber nicht damit. Darauf sitzen soll man wohl nicht, so viel ist klar.

Es handelt sich um Designklassiker des 20. Jahrhunderts, Inkunabeln der Moderne. Doch ist das wirklich die richtige Form? Die Proportionen und die etwas plumpen Gestalten irritieren. Der Betrachter wühlt in der Erinnerung und versucht, die Vorbilder vor seinem geistigen Auge zu visualisieren. Genau das tat Rehberger, als das Goethe Institut in Yaoundé, Kamerun, ihn vor 20 Jahren einlud, eine Ausstellung zu zeigen. Er skizzierte berühmte Designerstühle aus dem Gedächtnis und ließ sie in dem zentralafrikanischen Land von einheimischen Handwerkern fertigen. Rehberger bringt Vorstellungen von Autorenschaft ins Wanken, indem er ein Original kopiert, auch noch leichtfertig, mit locker geschwungenem Bleistift. Und dann lässt er die Stühle auf dieser vagen Grundlage von jemand anderem herstellen. Es ist ein wenig wie stille Post.

Rehberger desakralisiert sich selbst als Künstlerperson, und die Urheber, die gefeierten Künstlerdesigner des 20. Jahrhunderts, die im Westen wie Heilige verehrt werden. Er tut dies im Ausstellungsraum: ein doppeltes Paradox. Das ist postmoderne Konzeptkunst, die aus der Moderne zitiert und Bruchstücke ihrer Designgeschichte als Devotionalien entlarvt, die erst durch einen bestimmten soziokulturellen Kontext zu solchen werden, während sie in anderen völlig wertlos sind.

Die Irritation eröffnet Raum für viele Assoziationen, auch für eine politische Lesart. Mit ihrer Analyse von Wesen und Funktionsweisen von Gedächtnis wird die Werkserie zur Metapher für die gerne mal vergessene deutsche Kolonialgeschichte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Kamerun zur deutschen Kolonie und über mehrere Jahrzehnte hinweg wirtschaftlich ausgebeutet, nach dem Ersten Weltkrieg verwalteten Frankreich und Großbritannien das Land.

Die meisten der Designklassiker, auf die Rehberger sich bezieht, entstanden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die europäischen Kolonialherren noch wüteten. Parallel blühte die Moderne auf. Das von Walter Gropius gegründete Bauhaus schrieb erst in Weimar und dann in Dessau den Fortschritt in die Designgeschichte ein. Kunst, Technologie, Architektur und Gestaltung sollten verschmelzen, auch um den Menschen, und zwar der Masse, ein besseres Leben zu ermöglichen – komfortabel, schlicht, ästhetisch, erschwinglich. Dass die auf Funktion und Form reduzierten Arbeiten von Bauhäuslern wie Marcel Breuer zu Luxusobjekten werden sollten, ist Ironie der Geschichte.