Textarchiv

Giacomo Santiago Rogado: The Observing Self 08/2015, Galerie Mark Müller

Text zur Ausstellung von Giacomo Rogado in der Züricher Galerie Mark Müller

(English version below)

Crimson. Time. Madder. Matter. Naples Yellow. Consciousness. Poetry.

Reize fluten den Alltag, Gedanken schießen durch den Kopf, Gefühle nehmen den Körper ein. Entkommen kann man diesem Zustand eigentlich nur in der Meditation. Manchmal auch in der Kunst. Die Arbeiten von Giacomo Santiago Rogado versetzen den Betrachter in einen meditativen Zustand, nehmen ihn ein, locken ihn in einen angenehmen Rauschzustand, mit den Mitteln der von Künstlern wie Wassily Kandinsky oder Mark Rothko geprägten abstrakten Malerei: Form, Farbe, spiritueller Qualität. Dieser Zustand wird besonders intensiv, wenn Rogado einen ganzen Raum einnimmt, wie vergangenes Jahr im Zürcher Helmhaus. Dort präsentierte er ein Gemälde, das sich auf 60 Metern Länge um einen ganzen Raum schlang und den Betrachter in seiner Mitte barg.

Es hatte weder einen Anfang noch ein Ende, und auch die Komposition selbst bewegte sich frei im Bildraum. Er wolle die Topografie des Bildes auflösen, sagt Rogado. Die Leinwandabschnitte hatte er zuvor in eine mit Wasser gefüllte Wanne gelegt, nach und nach gezielt Farbpigmente hineingegeben und das Wasser dann verdunsten lassen. Heraus kamen harmonische Formationen aus Farbe, die zwar erstarrt sind, sich aber doch in stetiger, vom Wasser diktierter Bewegung zu befinden scheinen. Sie wecken Assoziationen mit Wasserpflanzen, Korallen und Meeresschwämmen. Es ist so, als würde Rogado den Betrachter einladen, mit dem Kopf unter Wasser zu tauchen und eins zu werden mit dem Element, der Natur, dem Kosmos.

Mit seiner neuen Ausstellung „Oberving Self“ knüpft Rogado an dieses Werk an. Er präsentiert drei Leinwände mit farbintensiven Unterwasserfiguren, je ergänzt um ein symmetrisches, goldfarbenes Symbol, das er auf die Bildmitte appliziert hat. Es besteht aus mehreren, ineinandergreifenden Kreisen und weckt Assoziationen mit spirituellen Metaphern wie dem Dharma-Rad oder der Lotusblume, mit sakraler Kunst, aber auch mit der Iris des Auges oder dem Verschlussmechanismus eines Fotoapparates, der den Lichteinfall in die Linse reguliert. Der Betrachter beobachtet und wird zum Beobachteten. Wie die Farbfiguren und die Kreise des Symbols ineinandergreifen, dringen auch die Kunst und der Betrachter ineinander ein. Es ist ein idealer harmonischer Zustand, in den Rogado sein Publikum versetzt. Die Farbe Gold nutze man seit jeher, um zu idealisieren, sagt er.

Zusammen mit „Intuition (Vortex)“ zeigt Rogado „Introspection“, eine Reihe kleinformatiger Leinwände, die konzeptuell an die Farbfeldmalerei anknüpfen. Auf jede hat der Künstler pastos eine von ihm entworfene Farbe aufgetragen, Crimson, Naples Yellow, Sap Green, Madder und andere. Mit geometrischen, zur Bildmitte gezogenen Pinselstrichen hat er diesen Arbeiten eine Sogwirkung auferlegt, die man als Kommentar auf die Wirkung abstrakter Kunst lesen kann. Rogado versteht sie als Analogie zu dem, was verschiedene spirituelle und psychotherapeutische Schulen als „observing self“ beschreiben und was er zum Thema seiner Ausstellung gemacht hat.

Neben dem „physical self“, der körperlichen Wahrnehmung, und dem „mental self“, Gefühlen und Gedanken, vermag dieses Selbst, sich der anderen beiden bewusst zu werden, Ängste und Unsicherheiten abzustreifen und sich in einen harmonischen Zustand zu überführen, in dem es eins wird mit der es umgebenden Welt. Ein wenig sei das wie tagträumen, sagt Rogado, man werde sich bewusst über das Bewusstsein, trete aus sich heraus, um sein Denken und Handeln von außen zu beobachten, erfahre, dass jedes Geräusch und jede Empfindung mit einem selbst zu tun haben, verlasse die Zeit und werde sich ihrer gleichsam bewusst. Rogado schafft sinnliche Situationen, in denen der Betrachter gerade nicht den stetigen Versuch unternehmen soll, etwas zu erkennen, und damit Gelegenheiten, sich seines Bewusstseins zu vergewissern.

Diese Überlegungen greift Rogado auch in Objekten auf, die er zusammen mit den Gemälden präsentiert. Aus drei verspiegelten Kugeln bestehen die „Observing Self“-Figuren, aus zwei dieser Kugeln und einer Sanduhr dazwischen die „Time Capsules“. In den gewölbten Spiegelflächen wird der gesamte Raum einschließlich des Betrachters sichtbar, es ist die Visualisierung des Aus-Sich-Heraustretens und des Sich-Selbst-Beobachtens. Die abstrakte Malerei absorbiere den Betrachter regelrecht, sagt Rogado, das gewölbte Spiegelbild mache das Gegenteil, es konfrontiere ihn mit sich selbst und dem gesamten Raum.

Ein wenig erinnert das an John Cages konzeptuelles Musikstück „4’33’“, bei dem vier Minuten und 33 Sekunden lang kein Ton gespielt wird und das Publikum über die wahrnehmbaren Geräusche auf sich selbst und seine Umwelt zurückgeworfen wird. Die Sanduhr sei ein Objekt, das Zeit speichere, sagt Rogado. Diese in der Kapsel eingeschlossene Zeit schreite aber nur dann fort, wenn ein Besucher die Sanduhr in die Hände nehme. Das stünde auch für die Zeit, die er mit einem bestimmten Gedanken verbringe. Es sei so, als ob der Besucher diesen aufgreife und sich eine Weile mit ihm beschäftige, um ihn dann an jemand anderen weiterzugeben.

Alles ist im Fluss in Rogados Werk. Es ist deshalb nur bedingt in Serien und Zyklen zu verstehen, es entwickelt sich stetig aus sich selbst heraus weiter, geht in sich selbst immer neue Verbindungen ein. So entsteht eine abstrakte Poesie, mit deren Versmaß, Reim und Rhythmus der Künstler immer wieder aufs Neue experimentiert, ihr immer wieder etwas hinzufügt. Schon in früheren Arbeiten hat er etwa Motive aus „Intuition“ und „Introspection“ zusammengeführt. Mit seiner Poesie beschreibt Rogado emotionale Phänomene, die man viel besser in Form und Farbe als in Worte fassen kann.

ENGLISH

Crimson. Time. Madder. Matter. Naples Yellow. Consciousness. Poetry.

Stimuli of all kinds flood our everyday lives. Thoughts shoot through our minds, feelings overtake our bodies. The only way to escape this state of affairs is meditation, or sometimes in art as well. The works of Giacomo Santiago Rogado place the beholder in a meditative state, take hold of him or her, luring the beholder into a pleasant state of delirium using the means of abstract painting as pioneered by Wassily Kandinsky and Mark Rothko: form, color, spiritual quality. This becomes especially intense when Rogado takes over an entire room, as he did last year at Zurich’s Helmhaus, where he presented a painting 60 meters in length that wrapped around an entire room, enclosing the beholder.

It had neither a beginning nor an end, and the composition itself also moved freely in visual space. He wants to dissolve the topography of the image, as Rogado put it. He previously placed the segments of canvas in a tub filled with water, gradually adding pigments and then allowing the water to evaporate. This resulted in harmonic formations of color that, although frozen, also seem to be in constant motion dictated by water. They evoke associations with aquatic plants, corals, and sea sponges. It is as if Rogado were inviting the beholders to immerse themselves underwater and to become one with this element, with nature, with the cosmos.

In his new exhibition Observing Self Rogado takes this work as his point of departure. He presents three canvases with intense underwater figures, each complemented by a symmetrical, gold-colored symbol that he placed in the middle of the picture. It consists of several intersecting circles and evokes associations with spiritual metaphors like a dharma wheel or a lotus flower, sacred art, but also the iris or the diaphragm of a camera that controls the light passing through the aperture. The beholder observes while at the same time becoming an observer. As the color figures and the circles of the symbol intersect, art and the bolder interpenetrate one another. It is an ideal harmonic state that Rogado places his audience in. As the artist explains, the color gold has always been used to idealize.

Together with Intuition (Vortex), Rogado also presents Introspection, a series of small-format canvases that take up conceptually from color field painting. In each, the artist has applied a color he himself developed, crimson, Naples yellow, sap green, madder, and others. With geometric brushstrokes painted toward the middle of the painting, he has given these works a pull that can be read as a commentary on the impact of abstract art. Rogado understands them as an analogy to what various spiritual and psychotherapeutic schools describe as the observing self, which he has made the subject of his exhibition.

Alongside the physical self and the mental self, the observing self is able to become conscious of the other two, to do away with fears and insecurities, and transfer them to a harmonic state, becoming one with the surrounding world. This is a little like daydreaming, according to Rogado, one becomes away of consciousness, stepping out of oneself, to observe one’s thought and action from the outside, experiencing that every sound and every sensation has to do with ourselves, stepping outside of time and at the same time becoming aware of it. Rogado creates sensual situations in which the beholder is not to undertake to constant effort to recognize something, thus reassuring himself of his consciousness.

Rogado takes up these considerations in objects that he presents together with the paintings. The observing self figures consist of three mirrored spheres, two of these spheres combined with an hourglass become the Time Capsules. In the arched mirrored surface, the entire space becomes visible, including the beholder. It is the visualization of stepping outside the self and a self-observation. The abstract painting absorbs the beholder, in Rogado’s works, while the arched mirror does exactly the opposite, confronting the beholder with himself and the entire space.

This recalls John Cage’s conceptual work 4’33”, where for four minutes and 33 seconds no sound at all is played by the ensemble, and the audience is forced to listen to itself and the sounds of its environment. The hourglass is an object that stores time, according to Rogado. The time captured in such a capsule only continues if a beholder takes the hourglass in hand. That would stand for the time spent with a certain idea. It is as if the beholder were taking this up and engaging with it to then hand it on to someone else.

Everything is in flux in Rogado’s work. It can thus only to a certain extent be understood in series and cycles; it develops constantly, entering into ever new combinations. In this way, an abstract poetry results with which the artist repeatedly experiments with meter, rhythm, and rhythm, always adding something else. In earlier works, for example, he combined motifs from Intuition and Introspection. With his poetry, Rogado describes emotional phenomena that can better be grasped in form and color than in words.

(Translated by Brian Currid)