Eine Vergangenheit, die mit den Jahren schlimmer wird
1939 ließ die SS in Ravensbrück das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet errichten. Bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im April 1945 wurden hier zehntausende Jüd*innen, Sinti*zze und Rom*nja, Kommunist*innen und Widerstandskämpfer*innen ermordet oder starben an den Folgen der Lagerhaft oder der medizinischen Experimente, die an ihnen durchgeführt wurden. Ravensbrück war auch ein profitables Wirtschaftsunternehmen. Die Waffen-SS gründete hier die Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH, kurz Texled. Unter brutaler Misshandlung nähten die Häftlinge ihre eigenen Uniformen sowie die der KZ-Aufseher*innen, der SS und der Wehrmacht.
Dominique Hurth forscht seit vielen Jahren zu den NS-Verbrechen in Ravensbrück. Ihre Recherchen sind nun erstmals umfassend in einer Ausstellung im Württembergischen Kunstverein Stuttgart zu sehen. Auch in Ravensbrück selbst, wo heute eine Gedenkstätte an das Lager erinnert, zeigt Hurth eine Installation – in den noch erhaltenen Hallen des sogenannten »Industriehofs«, in dem sich die Texled-Werkstätten befanden. Hurth zählt zu einer Reihe von Künstler*innen, die zur NS-Vergangenheit forschen und dabei auch die Möglichkeiten des Dokumentarischen befragen. Diese Vergangenheit, war Hannah Arendt überzeugt, könne von niemandem bewältigt werden, sondern schaffe es im Gegenteil, mit den Jahren schlimmer zu werden. So ist es nur folgerichtig, dass Hurth ihr Projekt als offene Recherche anlegt, Besucher*innen einlädt, sich daran zu beteiligen, und ihre Fragen ans Archiv mitreflektiert.
Hurth arbeitet installativ, mit Stoffen und gefundenen Uniformen, macht Archivalien wie Zeitschriften zugänglich, setzt sich mit Prozess-Protokollen und in Archiven gefundenen Fotografien auseinander und verarbeitet Zitate. Ihre Ravensbrücker Installation ist mit dem Vers »Maschinen dröhnen, Nadel schleppt den Faden, scharfes Messer glänzt, schneidet entzwei und sticht« überschrieben. Er stammt aus einem Gedicht der Überlebenden Halina Golczowa und zeugt von der Zwangsarbeit im Lager. Der Stuttgarter Titel Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden zitiert eine Dienstanweisung Max Koegels, Lagerkommandant von Ravensbrück und später des Vernichtungslagers Lublin-Majdanek. Es ist auch der Titel einer neuen Werkgruppe, in deren Mittelpunkt die KZ-Aufseherinnen stehen und zu der ein 96-minütiger Essayfilm gehört.
Stark sind Hurths Arbeiten, wenn sie einzelne Fotografien einer genauen Betrachtung unterziehen. Etwa eines aus dem sogenannten Ravensbrücker »SS-Fotoalbum« mit Bildern der Arbeit in den Texled-Werkstätten. Hurth hat daraus das Bild einer Frau an einem Webstuhl ausgewählt, in dem der gestreifte Stoff der Häftlingsuniformen spannt. Sie projiziert abwechselnd Dias mit Bildausschnitten und Kommentaren, lenkt den Blick auf Details im Foto, entlarvt ihre Inszenierung und fügt nach und nach Fakten rund um die verrichtete Zwangsarbeit und das Album selbst hinzu.
Ähnlich behandelt sie die Fotografie einer Frau beim Putzen eines Fensters in einem provisorischen Saal eines britischen Militärgerichts, das NS-Täter*innen in Schnellverfahren verurteilte. Das Bild hat sie in eine Aquarellzeichnung übertragen. Die namenlose Frau lasse sie nicht los, kommentiert Hurth in ihrem Film: »Ich betrachte das Bild lange und wiederhole innerlich seine Bildunterschrift ›Eine deutsche Frau putzt die Fenster des Gerichtsgebäudes‹, wie eine Beschwörungsformel. Das Bild selbst wird zur Metapher einer übergeordneten Hygiene – eine deutsche Frau, die die Vergangenheit reinwäscht.«
Und da sind die Bilder der KZ-Aufseherinnen während der dritten Majdanek-Prozesse der späten 1970er-Jahre. Sie verstecken sich im Gerichtsgebäude unter bunt gemusterten Regenschirmen vor Blicken und den auf sie gerichteten Kameras. Aufseherinnen wie sie wurden in Ravensbrück ausgebildet und in allen Lagern eingesetzt. Neben Fotodokumenten zeigt Hurth Zitate aus den Protokollen unterschiedlicher Prozesse, in denen die Täterinnen verurteilt, oft aber auch freigesprochen wurden. Die Künstlerin hat die Texte von Hand in nüchternen Lettern auf kleine Tafeln übertragen. Sie dokumentieren, wie Aufseherinnen ihre Taten leugnen, Opfern ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen wird und misogyne Stereotypen die Prozesse prägten.
Neben ihren eigenen Arbeiten zeigt Hurth im Kunstverein auch Werke der Romni-Künstlerin Ceija Stojka, und von Violette Lecoq, Mitglied der Résistance, die beide Ravensbrück überlebten und das Erlebte in Zeichnungen dokumentierten. Lecoqs Szenen des brutalen Lageralltags wurden zu wichtigen Dokumenten in den Hamburger Ravensbrück-Prozessen. Denn es fehlten Fotografien, die – wie die Bilder der Leichenberge von Bergen-Belsen – der menschlichen Vorstellungskraft hätten als »Übersetzungshilfe für Unvorstellbares« (Cornelia Brink) dienen können.
Ihre Recherchen hat Hurth in mehreren Textilarbeiten vertieft. In Stuttgart beeindruckt ein 15 Meter langes Webstück – das verordnete Pensum einer 12-Stunden-Schicht in Ravensbrück. Dass dieses kaum zu schaffen war, belegt die Künstlerin im Selbstversuch: Sie benötigte mehrere Wochen dafür. Eingefärbte Stoffbahnen zeigen Hurths Auseinandersetzung mit dem »Feldgrau« deutscher Uniformen, das ins Grüne und Blaue erweitert und von der Modeindustrie popularisiert wurde. Doch die fließend in den Raum herabhängenden Stoffe wie auch Fotocollagen, in denen Hurth eigene, in leuchtende Blau- und Grüntöne getauchte Recherchefotografien präsentiert, muten in Bezug auf ihr Sujet seltsam ästhetisierend an. Gerade in Ravensbrück wirkt der Ort selbst so erdrückend, dass diese künstlerische Intervention wenig hinzuzufügen vermag. Als starker Eindruck bleibt hier vor allem Golczowas Gedicht, das Hurth eingraviert auf einer Plexiglasplatte zeigt. Ähnlich wie ihre Betrachtungen einzelner Fotografien macht sie das Gedicht als Dokument neu anschlussfähig.
Dominique Hurth: Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden
Württembergischer Kunstverein Stuttgart, 18. 10. 2025 – 25. 1. 2026
Maschinen dröhnen, Nadel schleppt den Faden, scharfes Messer glänzt, schneidet entzwei und sticht
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, 24. 8. – 31. 10. 2025