Documentary in Flux. Revisiting the C/O Berlin Talent Award
Anlässlich des 25. Geburtstags von C/O Berlin warf die Ausstellung (24. Mai – 16. Sep 2025) einen Blick auf fast zwei Jahrzehnte des C/O Berlin Talent Award.
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EMANUEL MATHIAS & SABINE WEIER
Sabine Weier: Kunst, Freiheit und Lebensfreude war 2014 deine erste Arbeit, die auf vorgefundenem Material basierte. Du hast dich darin mit den sogenannten „Brigadebüchern“ aus dem Archiv der Leipziger Baumwollspinnerei beschäftigt. Das waren gemeinschaftlich geführte Tagebücher, in denen Arbeiter:innen in DDR-Betrieben in Text und Bild den Alltag ihres Kollektivs dokumentierten, die Planerfüllung, aber auch gesellschaftliche Ereignisse. Die Arbeit mit Archivmaterial ist seitdem ein fester Bestandteil deiner künstlerischen Praxis. Es handelt sich um eine besondere Form des dokumentarischen Arbeitens. Das Archiv bietet Zugang zu einem Teil der Wirklichkeit, der sich darin abbildet. Setzt man sich als Künstler:in mit einem Archiv auseinander, spielt die eigene Positionierung in Bezug auf das Material eine wichtige Rolle. Welche Rolle haben diese Aspekte damals für dich gespielt?
Emanuel Mathias: Dokumentarisch habe ich schon vor dem Projekt gearbeitet. Mich interessierte zum Beispiel das vergleichende Sehen, etwa bei Porträtserien, oder auch die Reinszenierung von Erlebtem, also von vorgefundenen Momenten der Wirklichkeit. Die Frage der eigenen Positionierung spielte bei Kunst, Freiheit und Lebensfreude aber tatsächlich eine wichtige Rolle. Die ehemalige Leipziger Baumwollspinnerei ist mein Arbeitsort, ich schaue aus meinem Atelierfenster auf den Hof. Die Tatsache, dass dieser Ort in einer anderen Zeit eine andere Funktion hatte, war für mich ein wichtiger Anlass, die Arbeit zu machen. In Gesprächen mit ehemaligen Arbeiterinnen hatte ich erfahren, wie traumatisch es für sie war zu erleben, dass dieser Ort nach dem radikalen Bruch – der Abwicklung der Spinnerei nach 1989 – in einer anderen Form weiter existierte.
Sabine Weier: Die Positionierung in Bezug auf vorgefundenes Material mitzudenken, ist für den künstlerischen Zugang genauso relevant wie für den wissenschaftlichen. In deinem Langzeitprojekt An den Rändern des Feldes (2017–2025) beschäftigst du dich ausgehend von Recherchen in persönlichen Archiven von Primatolog:innen mit deren Forschungsarbeit. Es geht dir dabei um methodische Fragen, die sich wiederum auf dokumentarische Praktiken herunterbrechen lassen. In beiden Projekten untersuchst du letztlich das Dokumentarische als Form und Methode der Wirklichkeitsbeschreibung.
Emanuel Mathias: Wissenschaftlich genauso wie künstlerisch Forschende arbeiten mit Beobachtungsmitteln, zum Beispiel mit Fotografie oder Film, um Erkenntnisse zu generieren. Das Dokumentarische verbindet die unterschiedlichen Praxen. In diesem Projekt habe ich meine Methodik und Medien stark erweitert, aber ich beziehe mich nach wie vor auf vorhandenes Material. In beiden Projekten interessiert mich vor allem die Frage nach dem Individuum in der Gemeinschaft. Die Wissenschaft schreibt sich auf die Fahnen, sie könne sich durch Methodik aus dem Subjektiven herausziehen. Mich interessiert aber genau das Subjektive, das das Individuum in den Forschungsprozess einbringt, die Gemengelage zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft – hier im Arbeiter:innenkollektiv, da in der Gruppe Forschender.
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Sabine Weier: Kunst, Freiheit und Lebensfreude (Art, Freedom, and Zest for Life) from 2014 was your first work based on found footage. In the work, you explore what are known as brigade books from the archives of the cotton mill in Leipzig. These collaborative diaries kept by workers in East German factories record the daily work of their collective using pictures and text, including reports on reaching production targets and social events. Since then, the work with archive material has been integral to your artistic practice. It is a special kind of documentary work. The archive offers you an approach to a part of reality that is depicted in it. If you explore an archive as an artist, your own position in reference to the material plays an important role. What role did these aspects play for you at the time?
Emanuel Mathias: My work was already documentary before I started this project. For example, I was interested in comparative seeing, such as in portrait series, as well as the restaging of things I have experienced—in other words, found moments of reality. The issue of one’s own position played an important role in Kunst, Freiheit und Lebensfreude. The former cotton mill in Leipzig is where I work—my studio faces the courtyard. The fact that this place had a different function in a different time was an important reason for doing the work. Talking to former workers, I learned how traumatic it was for them to realize that this place still existed in a different form following the radical change in 1989 when the mill was liquidated.
Sabine Weier: Considering one’s own position in relation to found material is just as relevant for an artistic approach as it is for a scholar. In your long-term project An den Rändern des Feldes (On the Edge of the Field, 2017–25), you explore the research work of primatologists through their personal archives. You look at methodological questions that in turn can be broken down into documentary practices. In both projects, you ultimately investigate the documentary as a form and method of describing reality.
Emanuel Mathias: Scholarly and artistic researchers both work with tools of observation such as photography and film to generate findings. The documentary links the various practices. In this project I have significantly expanded my methodology and media, but my work is still based on existing material. In both projects I am interested most of all in the issue of the individual in society. Science claims that it can extract itself from subjectivity through methodology. However, I am interested precisely in the subjective aspect that the individual brings into the research process, the conflict situation between the individual and society—the workers’ collective on the one hand and the group of researchers on the other.