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Die Kunst des Dialogs 10/2014, TAZ

Unter der Leitung von Cathy Larqué schiebt das Büro für Bildende Künste des Institut Français den Austausch der Szenen in Frankreich und Deutschland an

Sonnenstrahlen tauchen das Kaffeehaus am Boulevard Unter den Linden in warmes Licht. Kellner in weißen Hemden, schwarzen Fliegen und knöchellangen Schürzen flitzen an den Bistrotischen vorbei. Cathy Larqué genießt hier ein Stündchen bei Kräutertee, bevor sie wieder in ihrem Büro in der Französischen Botschaft an die Arbeit geht. 2011 zog die Kunsthistorikerin, die schon für Museen wie das Palais de Tokyo in Paris arbeitete, nach Berlin. Seitdem leitet sie das Bureau des Arts Plastiques, das Büro für Bildende Künste des Institut Français, entwickelt Austauschprogramme für Kuratoren und Sammler und sorgt für die Präsenz französischer Künstler in deutschen Ausstellungen.

Die deutsch-französische Kunstfreundschaft blüht, Namen wie Kader Attia, Cyprien Gaillard oder Camille Henrot ziehen hierzulande ein großes Publikum an. Diese jungen Künstler haben sich mit vom Institut Français unterstützten Schauen in wichtigen Häusern präsentiert und machen sich nun daran, die Welt zu erobern. Deutschland sei für französische Künstler wichtig, sagt Larqué mit sympathischem Akzent, weil es hier wunderbare Kunstvereine und Museen gäbe, aber auch weil Berlin ein Sprungbrett für den Einstieg in die US-amerikanische Szene sei.

Camille Henrot zum Beispiel lebt in New York. Diesen Sommer waren dort Arbeiten von ihr in einer großen Einzelausstellung im New Museum zu sehen. In Deutschland vertritt sie der Berliner Galerist Johann König, auch in New York und Paris hat sie Galerien. Gerade heimste sie den deutschen Nam June Paik-Award ein, einen von der Kunststiftung NRW ausgelobten Medienpreis. Kader Attia und Cyprien Gaillard leben in Berlin. Pierre Huyghe etwa, der dieses Jahr mit einer Retrospektive im Kölner Museum Ludwig für Aufsehen sorgte, sehe sich gar nicht mehr wirklich als französischer Künstler, sagt Larqué, er lebe schon seit Jahren in New York.

Angesichts einer globalisierten Szene muten Nationallabels überholt an. Bei Ausstellungsankündigungen steht das Herkunftskürzel dennoch fast immer hinter den Namen der Teilnehmer. Für die Finanzierung ist die Nationalität wichtig. Ein Drittel aller Ausstellungen mit französischen Künstlern in Deutschland werde vom Institut Français unterstützt, sagt Larqué. Ohne die Gelder, die Kulturinstitute für die Produktion von Kunst bereitstellen, hätten Künstler wenig zu tun. Doch auch die Institute haben es aufgrund der Wirtschaftskrisen in ihren Ländern oft nicht leicht. Budgets für zeitgenössische Kunst zu halten, sei aber sowieso stets ein Kampf gewesen, kommentiert Larqué.

Berlin war nicht immer der Nabel der deutschen Kunstwelt. Noch vor 20 Jahren galt Köln als ihr Zentrum. Mitte der Neunzigerjahre nahm die Kunstabteilung der Französischen Botschaft dort die Arbeit auf. Doch Berlin lief der Stadt am Rhein peu à peu den Rang ab. 2003 zog das Büro in die Hauptstadt. Seitdem kurbelt es von hier aus den Dialog zwischen den Szenen an. Doch erst durch Larqué kam er in Schwung.

Zu Larqués wichtigsten Initiativen gehört das Programm „Jeunes Commissaires“. Es ermöglicht aufstrebenden Kuratoren aus Deutschland und Frankreich, sich im jeweils anderen Land auszuprobieren. Die Mittel dafür bringt das Bureau des Arts Plastiques zusammen mit dem Französischen Ministerium für Kultur und Kommunikation, dem Goethe-Institut und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk auf. „In Extenso – Erweitert“ heißt das erste Projekt. Larqué realisiert es gemeinsam mit dem Deutschen Architektur-Zentrum (DAZ). Vier Kuratorinnen aus Frankreich setzen sich dort mit Architektur und Kunst auseinander, laden zu Gesprächen und Workshops. Im Herbst 2015 präsentieren sie die Ergebnisse ihres kuratorischen Labors. Vor allem ginge es ihr darum, Einblicke in die Arbeitsweise der Kunstvermittlerinnen zu geben, sagt Larqué.

Karima Boudou moderierte im September ein Gespräch im DAZ. Die 1987 geborene Kuratorin arbeitet sonst in Frankreich und Marokko. Sie lud den US-amerikanischen Künstler Jimmie Durham und die französische Architektin Laurence Kimmel ein, um mit ihnen über Architektur, Kunst und sozialen Kontext zu sprechen. Boudou erzählte anhand einiger Kunstwerke von ihrer Recherche zum Thema. Durham plauderte über die Monstrosität einiger Bauwerke, die lieber Kunst als Funktionsbau wären. Und Kimmel stellte ambitionierte architekturphilosophische Überlegungen zu diversen Bauten und ihren Kontexten an. Was Boudou bei der Abschlusspräsentation zeigen wolle, wisse sie noch nicht, erwiderte sie auf die Nachfrage einer verdutzten Zuhörerin. Das Format entpuppte sich als ein wenig gewöhnungsbedürftig für das Publikum. Boudou hingegen findet es großartig, mal frei von dem Druck, der sonst bei Ausstellungsproduktionen herrsche, arbeiten zu können.

Insgesamt vier solcher Gespräche sind Teil des Projekts. Schon im Mai sprach Agnès Violeau mit der Kritikerin und Philosophin Léa Gauthier und dem Künstler Christian Jankowski über Performance und Architektur. Céline Poulin wird sich im November mit Kunstprojekten im öffentlichen Raum beschäftigen. Im Dezember untersucht Florence Ostende, welches Potenzial für das Erzählen von Geschichten in Architektur steckt.

Zwischen Kunst und Architektur vermittelt Larqué schon länger. In Paris gründete sie dafür einen Verein. Mit dem künstlerischen Leiter des DAZ, Matthias Böttger, arbeitete sie schon einmal für eine Architektur-Biennale in Frankreich zusammen. Neben „Jeunes Commissaires“ hat sie gerade den Fond „Perspektive“ initiiert, der Mittel für Projekte bereitstellt, die Schnittstellen zwischen zeitgenössischer Kunst und Architektur bedienen. Auch hier wirkt neben dem Bureau des Arts Plastiques und dem Französischen Ministerium für Kultur und Kommunikation das Goethe-Institut als Partner mit. Bewerben können sich Kunstvereine, Galerien, Projekträume, Museen oder auch Forschungsprojekte aus Frankreich und Deutschland. Ein unabhängiges Experten-Komitee wählt Projekte aus. Gefragt sind vor allem Seminare, Worksshops, Konferenzen und Symposien, also Formate, die per se schon für Dialog stehen.

Mit dem Programm „Private View“ macht Larqué das System Kunst fast komplett, eigentlich fehlt nur noch die Kunstkritik. Nach Künstlern und Kunstvermittlern kommen hier Sammler zum Zuge. Französische und deutsche Sammler würden sich kaum kennen, klagt Larqué, das wolle sie ändern. Sie organisiert Fahrten zu Großveranstaltungen wie der Berlin Art Week oder der Kunstmesse FIAC in Paris und organisiert Empfänge bei Sammlern zuhause.

Derweil geht die klassische Ausstellungsförderung weiter, nicht nur in Berlin. Während die französische Kunstszene fast vollständig in Paris zentralisiert sei, finde man in Deutschland überall tolle Museen, selbst in kleineren Städten, schwärmt Larqué. Ende September eröffnete eine Ausstellung im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum. Zu sehen sind die Gewinner des Prix Marcel Duchamp, einem der wichtigsten Preise für Nachwuchskünstler in Frankreich. Gerade lief im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein (HMKV) die Gruppenausstellung „Böse Clowns“ an, eine Untersuchung dieser Figur in der Popkultur und der Kunst, die in Kooperation mit dem Pariser Kunstzentrum Jeu de Paume entstand.

Eine Antwort auf die Frage, was denn in der französischen Kunst gerade besonders spannend sei, lässt Larqué sich nicht entlocken. Sie müsse neutral bleiben, sagt sie lachend und verweist auf die Webseite des Programms „Jeunes Commissaires“, wo Kuratoren aus Frankreich und Deutschland Tipps zu wichtigen Ereignissen in den jeweiligen Kunstkalendern geben. Über das Leben in Berlin darf Larqué hingegen schwärmen. Sie fühle sich hier wie zuhause. Die direkte Art der Menschen sei wunderbar. Sie vermisse nichts – außer einer richtigen Boulangerie. Immerhin, ein bisschen Pariser Flair verströmt das Kaffeehaus an diesem Nachmittag auch.