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Homopriester des Exzesses: Fabres/Rizzis „Drugs kept me alive” 08/2012, Tanz im August-Blog

Künstler haben mitunter ein gigantisches Ego. Manchmal ist das auch nötig, etwa um eine Stunde lang in einem ausverkauften Saal zu monologisieren. Die Erwartungen sind groß, als Tanzstar Antony Rizzi auf die Bühne springt, um die autobiografisch inspirierte Nummer „Drugs kept me alive“ vorzutragen. Choreograf und Regisseur Jan Fabre hat sie ihm auf den Leib geschrieben. Rizzi stellt sich vor, schnappt sich zwei von hunderten Fläschchen, die zusammen mit verschieden großen Seifenblasenstielen ordentlich am Bühnenrand aufgereiht sind, hüpft hinter einen Tisch und pantscht etwas in einer Schüssel zusammen, aus der dann Schaum und Rauch quillt. Eine überflüssige Anfangsszene, die schon ahnen lässt: Hier geht es um Effekthascherei.

In mehreren Akten erzählt ein clownesker Rizzi von Drogeneskapaden und schwulem Sex, lässt das Publikum an lähmenden Ketamin-Halluzinationen teilhaben, beschreibt detailliert, wie sich Analsex auf Speed anfühlt. Er wirft mit bunten Pillen um sich, versucht in eine Seifenblase zu schlüpfen wie in ein Ganzkörperkondom: Zirkus für Erwachsene. Neben herkömmlichen Drogen empfiehlt er auch Medikamenten-Cocktails, damit kennt er sich aus – der echte Rizzi ist HIV-positiv und hat Hepatitis. „I’m a dancing pharmacy!“ ruft er (übrigens auch im Tagesspiegel-Interview). Hier und da ein Lachen.

Immer wieder bemüht er die Seifenblasenmetapher, die sich schon beim gefühlten zehnten Griff ins Spüliwasser erschöpft hat. Da sind erst wenige Minuten vergangen. Doch Rizzi fühlt sich als Seifenblasendompteur sichtlich wohl und pustet gnadenlos weiter. „I want to be in a bubble where there is only oxygen for me.“

Süchtig sei er nicht etwa versehentlich geworden, betont er. Nein, an seinen Süchten arbeite er gezielt und kontinuierlich, denn die damit einhergehende Bewusstseinserweiterung führe zu genialen Kreationen, zu nie zuvor gesehenen Figuren. Schade, dass er davon nichts zeigt, nur hier und da ein nüchternes Plié zum Besten gibt oder sich mit einer herkömmlichen Pirouette in den nächsten Rausch dreht.

Zwischen Kokain und Ecstasy lässt er keine Körperöffnung aus, in den 1980er Jahren hätte er damit vielleicht noch schocken können. Doch in der Gegenwart verkommt der Monolog zum Anachronismus. Rizzi wirkt wie einer, der gefallen will: „Ich bin ein Bürgerschreck, habt mich lieb!“, klingt zwischen den Zeilen durch. Als schließlich LSD an der Reihe ist, verwandelt Rizzi seine Manege in eine große Matschepampe aus Schaum, den eine Maschine ausspuckt, bunten Pillen und – klar – Seifenblasen. Psychedelisch ist nur die Musik.

Es wird eng auf der Bühne, doch für Rizzis Ego bleibt noch Platz. Und das produziert reichlich Endorphine und damit einen natürlich Rauschzustand: „My own body produces the best drug ever, simply by what I do and who I am.“ Höhenflüge dieser Art tragen Rizzi von Boy-Toy zu Boy-Toy, Droge zu Droge, Akt zu Akt und schließlich zum Finale. Was bisher albern war, kippt hier endgültig in den Kitsch.

Rizzi feiert sich als Homopriester des Exzesses, seine Manege funktioniert er dafür zur Kathedrale um. In der Bühnenmitte steht der jetzt mit schwarzem Stoff überzogene Tisch wie ein Altar. Je zwei Seifenblasenmaschinen gehen links und rechts an, spucken Tausende von Seifenblasen in die Szenerie. Noch ein paar Minuten quält Rizzi das Publikum mit abgeschmackten Weisheiten à la carpe diem, verliert sich in einem Lobgesang auf den Hedonismus und die Liebe zum Leben. Dann ist die Vorstellung vorbei. Auf der Straße vor dem Theater raucht einer der Zuschauer einen Joint – vielleicht hätte man den vorher gebraucht.

Artikel im Tanz im August-Blog